Guten Morgen, Internet.
Hoffentlich habt ihr noch Rest-Popcorn von Silvester übrig, denn was das Southern District of New York (SDNY) da gerade ausgegraben hat, lässt „Narcos“ wie eine Kinderserie im KiKA aussehen. Wir reden hier nicht von ein paar Päckchen im Handschuhfach. Wir reden von staatlich organisierter Industrie-Logistik.
Mir liegt die Sealed Superseding Indictment (S4 11 Cr. 205 AKH) vor. Und bevor einer fragt: Ja, das Ding ist echt. Ja, es ist vernichtend.
Es geht um nichts Geringeres als den Vorwurf, dass die venezolanische Regierung seit über 25 Jahren nichts anderes ist als eine Drogen-Spedition mit Nationalhymne.
Hier sind die Fakten. Schnallt euch an.
1. Die Besetzung: Ein Familienunternehmen der besonderen Art
Vergesst das Märchen vom „sozialistischen Kampf gegen den Imperialismus“. Laut Anklageschrift haben wir es hier mit einem klassischen Familien-Clan zu tun, der sich den Staat zur Beute gemacht hat.
Die Angeklagten lesen sich wie das Who-is-Who der venezolanischen Machtelite:
- Nicolás Maduro Moros: Der „De-facto-Herrscher“ selbst. Laut Anklage nicht nur Präsident, sondern seit seiner Zeit als Außenminister der Cheforganisator.+1
- Diosdado Cabello Rondón: Innenminister, Vize der Partei und angeblicher Kopf des Militär-Schutzes.
- Cilia Adela Flores de Maduro: Die „First Lady“. Hat laut Anklage ihre politische Karriere genutzt, um Meetings zwischen Dealern und Regierungsbeamten zu brokern.+1
- Nicolás Ernesto Maduro Guerra (a.k.a. „Nicolasito“, a.k.a. „The Prince“): Maduros Sohn. Hatte anscheinend Langeweile und wurde zum Logistik-Manager für Drogenflüge ernannt.+1
- Hector Rusthenford Guerrero Flores (a.k.a. „Niño Guerrero“): Der Chef der berüchtigten Gefängnis-Gang Tren de Aragua (TdA). Ja, der Staat arbeitet direkt mit der Gefängnis-Mafia zusammen.
Die Anklage nennt das Kind beim Namen: Cártel de Los Soles (Kartell der Sonnen) – benannt nach den Sonnen-Abzeichen auf den Uniformen der Generäle.
2. Der Modus Operandi: Diplomatenpost und PDVSA-Jets
Wie kriegt man Tonnen an Koks ungesehen in die USA? Man nutzt die Infrastruktur eines souveränen Staates. Das hier ist der Teil, wo einem die Kinnlade runterfällt:
- Diplomatische Immunität als Schmuggel-Trick: Als Maduro noch Außenminister war (2006-2013), hat er laut Anklage Drogenhändlern diplomatische Pässe ausgestellt. Wenn die Dealer Bargeld aus Mexiko zurückholen mussten, rief Maduro persönlich in der Botschaft an, um „diplomatische Missionen“ anzukündigen. Das Flugzeug war dann voll mit Narco-Cash, aber keiner durfte kontrollieren.+1
- Air Force Coke: Maduros Sohn, „The Prince“, nutzte Flugzeuge der staatlichen Ölgesellschaft PDVSA (z.B. eine Falcon 900), um Drogen von der Ferieninsel Margarita zu fliegen. Er stand daneben, während bewaffnete Sergeants die Pakete einluden. Sein Zitat dazu? Das Flugzeug könne „fliegen, wohin es wolle“, auch in die USA.+2
- Die „Generäle“: Container-Schiffe mit 5 bis 20 Tonnen (!) Koks wurden von ranghohen Militärs („The Generals“) bewacht und aus venezolanischen Häfen geschickt.
Das State Department schätzt, dass so 200 bis 250 Tonnen Kokain pro Jahr durch Venezuela geschleust wurden.
3. Die Partner: Die „Avengers“ des Drogenhandels
Damit das Zeug auch ankommt, braucht man Partner vor Ort. Und Maduro war da nicht wählerisch. Die Anklage listet Kooperationen auf, bei denen jedem Anti-Terror-Ermittler das Blut gefriert:
- FARC & ELN: Die kolumbianischen Guerillas produzieren das Koks in den Bergen, Maduro gibt ihnen Safe Haven und Waffen. Es gibt Berichte über Camps mit 200 bewaffneten FARC-Kämpfern auf dem Anwesen von Angeklagten.+3
- Sinaloa Kartell & Die Zetas: Mexikos brutalste Schlächter. Die Zetas fungierten zeitweise als bewaffneter Arm, um die Routen zu sichern.+1
- Tren de Aragua (TdA): Eine transnational operierende Gang, entstanden in venezolanischen Gefängnissen. Ihr Chef, „Niño Guerrero“, bot an, Drogenladungen an der Küste zu beschützen („Escort Services“) und prahlte mit seiner Kontrolle über den Bundesstaat Aragua.
Die US-Regierung hat diese Gruppen allesamt als Foreign Terrorist Organizations (FTOs) gelistet. Die Anklage lautet dementsprechend: Narco-Terrorism Conspiracy.+4
4. Ein paar „Highlights“ aus den Overt Acts
Wer glaubt, das sei alles nur vages Gerede, sollte sich die Liste der „Overt Acts“ (konkrete Tathandlungen) in der Anklage ansehen. Das ist pures Gold für investigative Journalisten:
- Der 5,5-Tonnen-Fail: 2006 schickten sie einen DC-9 Jet mit 5,5 Tonnen Koks nach Mexiko. Der Pilot hatte den Flugplan gegen Schmiergeld genehmigt. Als das Ding in Mexiko aufflog und beschlagnahmt wurde, mussten die Dealer 2,5 Millionen Dollar „Schutzgeld“ an Diosdado Cabello zahlen, damit die Crew in Venezuela nicht verhaftet wird.+2
- Waffen für Koks: Maduros Sohn diskutierte 2020 in Medellín (Kolumbien) mit der FARC darüber, Drogenlieferungen direkt mit schweren Waffen zu bezahlen.
- Die TV-Ansprache: 2019 traten Maduro und Cabello im Fernsehen auf und hießen die FARC-Führer, die gerade den Friedensvertrag gebrochen hatten, öffentlich in Venezuela willkommen. Dreister geht es nicht.
5. Fazit: Das Ende vom Lied?
Wir haben hier eine Anklage, die detailliert beschreibt, wie ein ganzer Staat zur kriminellen Organisation umgebaut wurde. Die Anklagepunkte sind eindeutig:
- Verschwörung zum Narco-Terrorismus.
- Verschwörung zum Kokain-Import.
- Besitz von Maschinengewehren und zerstörerischen Vorrichtungen (Destructive Devices).
Die USA fordern die Beschlagnahmung aller Vermögenswerte, die aus diesen Deals stammen.
Was lernen wir daraus? Verschwörungstheorien sind niedlich, aber die Realität ist meistens krasser. Wenn der Außenminister persönlich bei der Botschaft anruft, damit der Koffer mit dem Drogengeld nicht durchleuchtet wird, sind wir weit jenseits von „Korruption“. Das ist State Capture in Reinform.
Die Akten liegen auf dem Tisch. Die Welt schaut zu. Vergesst Netflix. Schaut in die Gerichtsakten.
